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Sehr geehrter Herr Staatsminister,
beim gemeinsamen Diskussionsabend mit Ihnen am 26.05.2006 in Gaißach sind ein paar Fragen ungeklärt geblieben, um deren nachträgliche Beantwortung wir nun bitten.
Sie haben uns bereits bestätigt, dass die 313 (trotz stärkerer rückläufiger
Schülerzahlen) nicht abgezogenen Lehrkräfte im Verhältnis der Schülerzahl
auf die Schulamtamtsbezirke aufgeteilt werden. Diese sollen gemäß Ihren
Worten für spezielle Förderungen und als Mobile Reserven
eingesetzt werden.
Es kann nun sein, dass im Einzelfall (z.B. wegen hohem Anteil von Kindern mit
schlechten Deutschkenntnissen in einer Klasse) das Schulamt eine
Klassenteilung für die dringendste Fördermaßnahme ansieht. Deshalb ist die
Frage und Bitte, dass das Schulamt frei entscheiden kann, wo diese zusätzlichen
Lehrkräfte eingesetzt werden sollen.
Können Sie dem zustimmen, oder dürfen diese Lehrkräfte generell nicht zur
Klassenbildung vorgesehen werden?
Es hat uns erschüttert, wie Sie begründeten, dass Klassen mit großen
Schülerzahlen gleich gut seien, wie kleine Klassen. Anstatt auf statistische
Auswertungen zurückzugreifen, verwendeten Sie einfach nur Beispiele.
Damit vergleichbar, könnte ein Anderer behaupten, dass Fahrradfahren
ohne Helm nicht gefährlicher sei als mit Helm, weil er viele kenne, die einen
Fahrradunfall ohne Helm unverletzt überstanden hätten.
Zurück zu den großen Klassen: Es ist allen klar, dass die Klassenstärke nicht
das alleinige Kriterium für den Lernerfolg ist. Es kommt natürlich im
Einzelfall auch auf den Lehrer und darauf an, wie sich die Gruppe
zusammensetzt. Uns würde aber ein statistischer Vergleich aus
Jahrgangsstufentests, Orientierungsarbeiten oder Ähnlichem interessieren. Nur
daran ist zu erkennen, ob die Chancen vergleichbar sind.
Unbeantwortet geblieben ist auch die Frage, wie man beim Schulversuch mit
Kombiklassen von 1998 bis 2002 zu dem Ergebnis gekommen ist, dass in
diesen Klassen die kognitiven Leistungen gleich gut seien, wie in jahrgangsreinen
Klassen. Hat man hier auch nur einzelne Klassen als Beispiele
verglichen?
Sie haben selbst berichtet, dass der Schulversuch mit Kombiklassen von 1998
bis 2002 wissenschaftlich begleitet wurde.
In meinem Vortrag habe ich um Veröffentlichung des Berichts dazu gebeten. Sie
sind jedoch auf diesen Punkt nicht eingegangen. Deshalb möchte ich erneut um
eine vollständige Veröffentlichung bitten (im Internet auf den Seiten Ihres
Ministeriums) und Sie vorab fragen, ob dies geschehen wird und falls ja, bis wann.
Sie haben mir eine Falschdarstellung der Kombiklassen vorgeworfen, ohne zu
benennen, welche Argumente falsch seien. Mit Veröffentlichung
des vollständigen Berichts haben Sie die Möglichkeit einer Gegendarstellung.
Wir sichern Ihnen zu, dass wir einen Link dazu in unsere Homepage aufnehmen
werden.
Wir haben Verständnis dafür, dass nicht unbegrenzt Schulden gemacht werden
können. Es ist jedoch ein riesiger Schuldenberg aus den letzten Jahrzehnten bei
Bund und Ländern vorhanden (wie Sie selbst sagten, zusammen 1,5 Billionen
Euro), für den die nachfolgende Generation auch eine Chance bekommen muss,
diesen abzutragen oder wenigsten die erforderlichen Zinsen zu erwirtschaften.
Diese Chance können sie nur mit guter Schulbildung bekommen und die fängt
bekanntlich in der Grundschule an.
Einsparungen hier müssen später mit höherer Arbeitslosigkeit, höheren
Sozialhilfekosten, höheren Kriminalitätsraten und erhöhten Suchtgefahren teuer
bezahlt werden. Deshalb fordern wir mehr Lehrer an den
Volksschulen, ganz besonders an den Grundschulen.
Wie es auch der schulpolitische Sprecher des CSU-Kreisverbandes, Heiko
Arndt, indirekt ansprach, hilft es der zukünftigen Generation nicht weiter,
wenn wegen der steigenden Pensionslasten (die Lehrer aus den
geburtenstarken Jahrgängen gehen in Pension) von steigenden Bildungsausgaben
gesprochen wird, obwohl die Zahl der Lehrer sinkt.
Auch wir erkennen den reduzierten Lehrerabbau um 313 Stellen als richtigen
Schritt an - er ist jedoch nicht groß genug, und es müssen weitere
Schritte folgen.
Mit freundlichen Grüßen
Albert Orterer
Vorsitzender der Interessengemeinschaft www.mehr-lehrer.org
Für mehr Lehrer an Bayerns Volksschulen und
gegen jahrgangskombinierte Klassen
Kalkofenstr. 38
83646 Wackersberg
Tel.: 08042/509450
Verteiler:
Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber
Offener Brief im Internet
Antwort dazu vom 13.07.2006 von Staatsminister
Siegfried Schneider
Sehr geehrter Herr Orterer,
ich danke Ihnen für Ihre E-Mail vom 5. Juni 2006, in der Sie – in Ergänzung zum Diskussionsabend in Gaißach – um die Beantwortung weiterer Fragen bitten. Ich kann Ihnen folgendes mitteilen:
In Ihrer ersten Frage sprechen Sie die Verwendung der zur Verfügung gestellten Planstellen für Maßnahmen zur individuellen Förderung an. Diese im kommenden Schuljahr 2006/07 vorhandenen Lehrerstellen dienen nicht der Realisierung der regulären Klassenbildung und sind daher nicht Teil des Budgets für die reguläre Klassenbildung. Sie sollen vor allem für folgende unterrichtliche Vorhaben eingesetzt werden:
Die Regierungen verteilen die ihnen zur Verfügung gestellten Lehrerstunden auf die Staatlichen Schulämter. Die Staatlichen Schulämter vergeben einzelne Stunden bedarfsbezogen an Schulen. Die Schulleiter müssen den besonderen Förderbedarf an ihrer Schule belegen und die effiziente Verwendung dieser Lehrerstunden sicherstellen. Eine Verwendung der Lehrerstellen für Klassenteilungen ist nicht möglich. Die von Ihnen angesprochene Aufstockung der Mobilen Reserve verfolgt das Ziel, durch mehr Vertretungslehrer die Deutschförderangebote auch bei Erkrankung auf hohem Niveau ganzjährig sicherzustellen.
Sie thematisieren nochmals den Zusammenhang von Klassenstärken und Lernerfolg. Hierzu kann ich Ihnen mitteilen, dass auch in der jüngsten deutschen Untersuchung aus dem Jahre 2002, die den Zusammenhang zwischen Klassenstärke und Schülerleistung in den Blick nimmt, Forscher der Universität Koblenz-Landau bestätigt haben, dass sich die Größe einer Klasse nicht auf den Lernerfolg auswirkt.
Für den schulischen Erfolg sind vielmehr die gesamten Rahmenbedingungen wichtig. Dazu zählen eine qualifizierte Aus- und Fortbildung der Lehrer, umfassende Stundentafeln, kind- und stoffgerechte Lehrpläne, eine zeitgemäße Ausstattung der Schulen mit Lehr- und Lernmitteln, ein positives Schulklima und vor allem das methodische und pädagogische Können des Lehrers. Demnach wird die Klassenstärke oft zu hoch bewertet und manchmal auch zu Unrecht zum primären Maßstab zur Bewertung von Schule erhoben.
Zuletzt sprechen Sie die Ergebnisauswertung der Orientierungsarbeiten und des Schulversuchs zu den jahrgangskombinierten Klassen an. Die Orientierungsarbeiten liefern detaillierte Informationen darüber, ob und in welchem Maße Lernziele und Lerninhalte des Lehrplans erreicht wurden.
Durch den Vergleich der Klassenschnitte bei den einzelnen Aufgaben mit den Landesschnitten kann die Lehrkraft Aufschluss über den Erfolg ihres eigenen Unterrichts erhalten und Erkenntnisse darüber gewinnen, in welchen Bereichen gezielter Förderbedarf besteht. Die Orientierungsarbeiten können aufzeigen, ob die eigene unterrichtliche Arbeit in den einzelnen Bereichen Ziel führend war, wobei die Lehrkraft natürlich die individuellen Bedingungen ihrer Klasse kennt und in die Ergebnisanalyse einbezieht. Die individuellen Bedingungen in der Klasse hängen von unterschiedlichen Faktoren ab, die nicht alle in die Gesamtauswertung einbezogen werden können. Dementsprechend wird auch die Klassengröße bei der Auswertung der Orientierungsarbeiten nicht berücksichtigt.
Die Ergebnisse des Schulversuchs zu den kombinierten Klassen sind auf der Homepage des ISB veröffentlicht.
Sehr geehrter Herr Orterer, ich hoffe, dass ich die seit dem Diskussionsabend noch offenen Fragen hinreichend beantworten konnte.
Mit freundlichen Grüßen
Siegfried Schneider
Rückfrage dazu an den Minister am 20.07.2006
Sehr geehrter Herr Staatsminister,
vielen Dank für Ihr Antwortschreiben vom 13.07.2006.
Einiges ist damit geklärt, auch wenn es nicht meinen Vorstellungen entspricht.
Besonders interessant fand ich Ihre Info über die Studie der Klassenstärken zu Schülerleistung der Universität Koblenz-Landau. Die Studie selbst konnte ich zwar bisher nicht finden, doch ein ausführlicher Artikel darüber aus "DIE ZEIT" vom 01.09.2005 bestätigt Ihre Darstellung. Demnach blieben die Möglichkeiten einer kleinen Klasse von den Lehrkräften häufig weitgehend ungenutzt und deshalb hätten kleinere Klassen keine wesentlichen Vorteile.
Allerdings bezog sich die "Markus"-Studie auf die Mathematikfähigkeit von Achtklässlern. Ob sich diese Erkenntnisse auch auf die Grundschulklassen anwenden lassen, erscheint doch sehr fraglich. Dort bereiten vor allem verhaltensauffällige Kinder den Lehrer von Jahr zu Jahr mehr Probleme. Falls Sie auch eine Studie aus Deutschland über Grundschüler kennen, wäre ich für die Nennung dankbar.
In dem Artikel aus "DIE ZEIT" wird auch von der größten diesbezüglichen Studie berichtet, der "Star-Studie" aus dem US-Bundesstaat Tennessee. Dort profitierten vor allem Kinder von benachteiligten Familien von sehr kleinen Klassen. Insgesamt verfügten die Kinder aus den kleinen Klassen in der vierten Jahrgangsstufe über einen Leistungsvorsprung von sechs bis neun Monaten gegenüber den Gleichaltrigen aus großen Klassen.
Unbeantwortet geblieben ist die Frage, wie man beim Schulversuch mit Kombiklassen von 1998 bis 2002 zu dem Ergebnis gekommen ist, dass in diesen Klassen die kognitiven Leistungen gleich gut seien, wie in jahrgangsreinen Klassen.
Hat man hier Orientierungsarbeiten oder Ähnliches verglichen?
Hierzu bitte ich weiterhin um eine Antwort.
Bezüglich des Ergebnisses aus dem Schulversuch zu den kombinierten Klassen haben Sie mir die Homepage des ISB genannt. In diesen vier Beschreibungsseiten sind aber keine Ergebnisse genannt.
Die Gliederungspunkte lauten:
1. Ausgangssituation
2. Die pädagogische Grundidee jahrgangsübergreifenden Lernens
3. Ziele der Erprobung
4. Organisation und Inhalte der Erprobung
5. Zusammenfassung
Die Ergebnisse fehlen komplett. Sie haben sicher nicht auf Grund dieses Papiers Kombiklassen zugelassen. Ihr Leitender Ministerialrat Georg Hahn konnte mir schon früher einmal die Zahlen der Überspringer und Wiederholer aus dem Schulversuch nennen. Er muss demnach auch andere Unterlagen haben.
Deshalb fordern wir weiterhin die Veröffentlichung des vollständigen und unveränderten wissenschaftlichen Berichts aus dem Jahre 2002 zum genannten Schulversuch.
Erst damit kann Vertrauen geschaffen werden.
Mit freundlichen Grüßen
Albert Orterer
Antwort aus dem Bayerischen Staatsministerium für
Unterricht und Kultus vom 18.09.2006
Bericht zum
Schulversuch „Jahrgangsgemischte Eingangsklassen“
Anlage: Modellversuch „Jahrgangsgemischte Eingangsklasse“ – Abschlussbericht an den Landtag
Sehr geehrter Herr Orterer,
in Ihrer Mail vom 20. Juli 2006 bitten Sie um Veröffentlichung des Berichts zum Schulversuch „Jahrgangsgemischte Eingangsklassen“ aus dem Jahr 2002. Bitte entschuldigen Sie, dass sich die Beantwortung aufgrund der Sommerferien etwas verzögert hat.
Ihre Fragestellungen lassen vermuten, dass Sie bei dem Schulversuch von den Bedingungen einer wissenschaftlichen Untersuchung ausgehen. Dies würde bedeuten, dass die kognitive Ausgangslage jedes beteiligten Schülers vor Beginn der ersten Klasse exakt zu messen ist, entsprechende Kontrollgruppen mit gleicher kognitiver Ausgangslage zu bilden sind, ein vergleichbarer Unterricht in allen Gruppen stattzufinden hat und der Lernzuwachs mit normierten Instrumenten zu messen ist. Derartige wissenschaftliche Bedingungen sind natürlich in der schulischen Realität nicht anzutreffen. Selbst wenn ein normiertes Instrument zur Leistungsmessung – die Orientierungsarbeiten gab es zur Zeit des Schulversuchs noch nicht – ist dieser Messwert in diesem Zusammenhang nur aussagekräftig, wenn in allen Gruppen die kognitive Ausgangslage der Schülerinnen und Schüler zu Beginn der ersten Klasse gleich wäre.
Vom Ministerium veranlasste und vom ISB durchgeführte Schulversuche haben nicht die Aufgabe zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen, sondern Modelle für die Praxis zu erproben, zu reflektieren und ggf. zu modifizieren. Die vom ISB zu diesem Zweck erstellten Berichte sind deshalb für die Verwendung im Ministerium konzipiert und Grundlage für Entscheidungen der Schulverwaltung.
Da ich Ihrem Informationsbedarf trotzdem gerne entsprechen möchte, leite ich Ihnen den Abschlussbericht zu, der zu diesem Schulversuch an den Landtag gegeben wurde.
Mit freundlichen Grüßen
gez. Dr. Wittmann
Ministerialdirigent
Anlage: Abschlussbericht an den Landtag
Kommentar dazu von Albert Orterer:
Zwischen den Zeilen kommt ganz deutlich zum Ausdruck, dass in dem Bericht zum Modellversuch mit Kombiklassen des ISB anscheinend nicht die passenden Ergebnisse stehen. Nun ist der „wissenschaftlich begleitete Modellversuch“ also doch nicht „wissenschaftlich“. Für die damalige Ministerin Monika Hohlmeier muss wohl klar gewesen sein, dass schlechtere Ergebnisse auf schlechtere Ausgangslagen der beteiligten Schüler zurückzuführen sein müssen. Wie hätte sie sonst dem Landtag berichten können, dass die kognitiven Leistungen gleich seien, obwohl sie z.B. wusste, dass es wesentlich mehr Wiederholer gab. Aber die Wiederholer sind ja nun keine Wiederholer mehr – sie bleiben nur ein zusätzliches Jahr in der gleichen Klasse, was nach ihrer Darstellung ein Vorteil sei.
Ob oder wie eine Vergleichsmessung stattgefunden hat, will auch Dr. Wittmann nicht preisgeben. Die Aussage mit den gleich guten Ergebnissen wie in jahrgangsreinen Klassen dürfte demnach genauso wage formuliert worden sein, wie die Aussage von Minister Schneider zu kleinen und großen Klassen am 26.05.2006 in Gaißach. Demnach hätten große Klassen keine Nachteile, weil es auch Beispiele gäbe von großen Klassen mit guten Leistungen. Sollen solche Aussagen und Informationszurückhaltungen Vertrauen schaffen?