Münchner Merkur, Bayernteil, Mittwoch, den 05.07.2006
Kombi-Klassen-Kampf
Eltern wehren sich gegen zusammengelegte
Jahrgangsstufen
Bad Tölz/Eichstätt (dw/va) – Die Idee ist aus der Not
geboren: Kombiklassen, also die Zusammenlegung der 1. und 2. oder aber 3. und
4. Jahrgangsstufen, sparen Geld und Lehrerstellen. 149 fusionierte Klassen gibt
es derzeit in Bayern in Stockdorf (Kreis Starnberg) oder Warngau (Kreis
Miesbach). Und die Zahl wächst: Im kommenden Schuljahr sollen es etwa 200
Kombiklassen sein, wobei die Neugründungen in vielen Fällen von heftigen
Eltern-Protesten orchestriert sind.
Wie heftig der Widerstand sein kann, erfährt derzeit Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) in seinem Stimmkreis Eichstätt. Scheider hatte schon vor seiner Ministerzeit heftig für Kombiklassen geworben. So war es kein Wunder, dass das Schulamt in seinem Landkreis gleich an acht Grundschulen Kombiklassen neu gründen wollte. Zu Protestversammlungen kamen mehr als 600 Leute. Jetzt hat das Schulamt die Pläne eingedampft – nur noch zwei Schulen in Kipfenberg-Pfahldorf und Titting werden die 1. und 2. Klasse im kommenden Schuljahr fusionieren. An sechs Schulen werden stattdessen jetzt die ersten Klassen zusammengelegt, um so mit dem Budget hinzukommen. Bis zu 31 Schüler werden dabei eine Klasse besuchen, rechnet der stellvertretende Schulamtsleiter Josef Mirlach vor. Erst ab 32 Kindern muss eine Klasse geteilt werden.
Ministerium sieht pädagogische Vorteile
Bei den Kombiklassen sind 25 Schüler die Höchstgrenze – außerdem erhält jede Klasse noch fünf wöchentliche Differenzierungsstunden, während der sich dann zwei Lehrer um die Schüler kümmern.
Bereits zwischen 1998 und 2002 hatte das Kultusministerium die Kombiklassen untersucht, und dabei die pädagogischen Vorteile betont. Durch die Altersmischung der Schüler würden „soziale Lernprozesse“ gefördert. Begabte Schüler könnten außerdem jahrgangsgemischte Klassen in einem Jahr durchlaufen und eine Klasse überspringen, schwächere Schüler hingegen hätten die Möglichkeit „ohne völlige Veränderung der Lerngemeinschaft“ die Klasse zu wiederholen.
Warum sich die Eltern in Eichstätt trotzdem lieber für größere Klassen entschieden, ist Mirlach ein Rätsel. „Die Ängste überwiegen eben“, sagt er.
Im Brennpunkt stehen die Kombiklassen auch in Bad Tölz. Die Klassenfusion der Grundschule Wackersberg wurde nach heftigen Protesten von Eltern, die sich sogar an den Landtag wandten, soeben abgewendet. „Wohl dem, der einen Ministerpräsidenten hat“, kommentierte der SPD-Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Pfaffmann süffisant die Entscheidung. „Die Schülerzahlen sind so hoch, dass das keinen Sinn machen würde“, rechtfertigt Schulamtschef Norbert Weinhuber indes vor Ort den Beschluss. Traditionell gibt es eine Kombiklasse im kleinen Jachenau, zur Diskussion steht das Thema in Gaißach, sofern dort die Schülerzahl je Klasse unter 13 sinkt. In Bad Heilbrunn entschied das Schulamt gerade für Kombi-Klassen – die Eltern haben drei Tage Bedenkzeit, ob sie ihr Kind in eine Kombiklasse schicken wollen. „Wir sind an ein Lehrerstunden-Budget gebunden“ sagt Weinhuber, der die Klassen „notfalls gegen die Eltern“ durchsetzen will. Auch in Wackersberg ist das Thema nur heuer ausgestanden. Sollte die Schülerzahl erneut sinken, „steht uns der gleiche Kampf erneut bevor“, fürchtet der Elternbeiratsvorsitzende Josef Singhammer.
Ihn dürfte zumindest eine Nachricht aus Eichstätt trösten: Kombinierte 3. und 4. Klassen wird es dort, so Schneiders Direktive an das Schulamt, nur geben, wenn die Kinder zuvor in der 1. und 2. Jahrgangsstufe eine Kombiklasse besucht haben – eine Entscheidung mit Symbolcharakter. Auch hier gab es zuvor heftige Proteste. „Die Eltern hatten die größten Sorgen wegen des Übertrittszeugnisses“, sagt Mirlach.