Münchner Merkur, Oberbayern 22.03.2007

 

Wenn der Lehrer von Tür zu Tür springt

 

Neue Daten zum Lehrermangel an Volksschulen in Oberbayern ­- Klassen-Fusionen als Notbehelf

München - Neue Zahlen zum Ausfall von Unterrichtsstunden an oberbayerischen Grund- und Hauptschulen werfen ein Schlaglicht auf den grassierenden Lehrermangel. Nach einer Erhebung der Personalräte kann weit weniger als die Hälfte der ausfallenden Stunden durch sogenannte Mobile Reserven abgefangen werden. Häufig, so ein Insider, behelfen sich die Schulen mit dem „Prinzip der offenen Tür”: Ein Lehrer springt zwischen zwei Klassen hin und her.

 

Die Zahlen für die 23 Schulamtsbezirke in Oberbayern waren erst vergangenen Freitag erhoben worden, 17 Bezirke wurden schon ausgewertet, die Ergebnisse liegen unserer Zeitung vor. Demnach fielen am Freitag in Oberbayern 1910 Lehrerstunden wegen Krankheit aus, weitere 828 Stunden durch Fortbildungen, insgesamt also 2738 Stunden.

Ersetzt wurden die ausfallenden Stunden nur zum Teil: 1068, also etwa ein Drittel, durch die Mobilen Reserven. Etwas mehr, nämlich 1208 ausfallende Stunden, indes wurden durch schulinterne Organisation abgefedert. Zum Teil setzten die Schulen dabei auf die Zusammenlegung von Klassen, ein Prinzip, das vor allem in vielen Grundschulen angewandt wird. Zum Teil mussten Lehrer auch zwischen zwei Klassenzimmern hin und her springen - das „Prinzip der offenen Tür”. 450 Stunden konnten gar nicht ersetzt werden.

Die Resultate sind je nach Landkreis unterschiedlich ausgeprägt. So kam der Landkreis Rosenheim (ohne Stadt) mit seinen 27 Grund- und Hauptschulen auf 299 Fehlstunden. Nur ein Fünftel (60 Stunden) wurde dabei durch die Mobile Reserve wettgemacht, ein höherer Anteil entfiel auf schulinterne Kunstgriffe: 96 Stunden, also ein Drittel des Gesamtausfalls, wurde zum Beispiel durch Klassen-Fusionen bewältigt. Für die Personalratsvorsitzende in Rosenheim-Land, Beate Irle, beweist dies einerseits das Organisationstalent der Schulen. Andererseits seien Klassen-Zusammenlegungen zu kritisieren: Der „Lerneffekt für diese Klassen ist de facto nicht gegeben”, sagte sie unserer Zeitung. Denn häufig seien dann nur noch Vorlesestunden oder Sport in Großgruppen möglich. Nötig seien aber mehr Mobile Reserven.

Auffallend im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen ist der hohe Anteil an Fortbildungen, der mit 95 Stunden fast das Ausmaß des Krankheits-Anteils (128 Stunden) erreicht. Auch hier konnte ein knappes Viertel (48 Stunden) überhaupt nicht aufgefangen werden - der Unterricht fiel komplett aus. Im Kreis Weilheim-Schongau gab es sogar mehr Fortbildungen (132 Stunden) als Krankheitsfälle (124 Stunden). Auch hier konnte nur ein Teil der Ausfälle wettgemacht werden - 56 Stunden fielen ersatzlos aus.

Das Augenmerk der Personalräte richtete sich indes auch auf die Zahl der Fälle, in denen eine Mobile Reserve im laufenden Schuljahr vergebens angefordert wurde. In Bad Tölz-Wolfratshausen wandten sich Schulen nicht weniger als 68 Mal umsonst an das Schulamt, ebenso oft im Landkreis Dachau. Im Landkreis Fürstenfeldbruck musste gar bei 70 Anfragen abgewunken werden.

Zusammenhänge mit der Zahl der langfristig verplanten Mobilen Reserven seien offensichtlich, sagte ein Kenner der Materie unserer Zeitung. Auch dazu liegen neue Zahlen vor. So gab es in Oberbayern zu Beginn dieses Schuljahres 733 Lehrer als Mobile Reserve. Allerdings war etwa jeder Siebte (99 Lehrer) schon langfristig als Vertretung für mehrmonatig erkrankte oder gar vor der Dienstunfähigkeit stehende Pädagogen verplant. Mit Fortschreiten des Schuljahres wird dieser Anteil immer höher. Intern wird geschätzt, dass mittlerweile gut die Hälfte der oberbayerischen Mobilen Reserve langfristig verplant ist und für „Springer”-Einsätze gar nicht mehr zur Verfügung steht.

VON DIRK WALTER